Lena Fischer arbeitet seit drei Jahren als Ausbildungsbeauftragte in einem mittelständischen Handelsunternehmen in Stuttgart. Sie kennt das Muster: Ein Azubi startet motiviert, kommt in den ersten Wochen gut mit, und dann, irgendwo zwischen Buchführung und Kosten-Leistungs-Rechnung, bricht die Kurve ein. Manchmal schleichend, manchmal abrupt. Was bleibt, ist Frust auf beiden Seiten.
Dieses Muster ist 2026 keine Ausnahme mehr. Laut aktuellem DIHK-Ausbildungsreport gaben 38 Prozent der Ausbildungsbetriebe an, dass Azubis in kaufmännischen Berufen zunehmend Schwierigkeiten mit fachtheoretischen Inhalten haben. Besonders betroffen: Bürokaufleute, Kaufleute im Einzel- und Großhandel sowie Industriekaufleute. Die Berufsschule vermittelt Stoff, der komprimierter geworden ist. Die Betriebe haben weniger Zeit für individuelle Begleitung. Und die Azubis sitzen zwischen beiden Stühlen.
Was genau schief läuft
Das Problem beginnt oft nicht mit fehlendem Willen, sondern mit fehlender Grundlage. Wer im ersten Ausbildungsjahr die Grundzüge der doppelten Buchführung nicht versteht, kann im zweiten Jahr Bilanzierungsfragen nicht sinnvoll einordnen. Wer Prozentrechnungen unsicher beherrscht, verliert bei Kalkulationsaufgaben schnell den Faden.
Dazu kommt: Berufsschulunterricht findet in vielen Regionen inzwischen nur noch an einem Tag pro Woche statt, manche Klassen haben 30 Schülerinnen und Schüler. Für Nachfragen oder individuelle Erklärungen bleibt kaum Raum. Wer in diesem System einmal den Anschluss verliert, holt ihn selten von selbst wieder auf.
Markus Steinberg, der als Ausbilder in einem Logistikunternehmen tätig ist, beschreibt es so: „Die meisten merken selbst, dass sie nicht mehr folgen können. Aber sie sagen nichts, weil sie Angst haben, als überfordert zu gelten. Dann kommt die erste Zwischenprüfung, und es knallt.“
Typische Stolperstellen im kaufmännischen Bereich
Nicht jede Wissenslücke wiegt gleich schwer. Einige Themen tauchen in der Praxis und in Prüfungen aber überdurchschnittlich häufig als Problemfelder auf:
- Buchführung und Kontenrahmen: Das Verständnis von Soll und Haben, SKR03 gegenüber SKR04, Bestandskonten gegenüber Erfolgskonten
- Kosten- und Leistungsrechnung: Deckungsbeitragsrechnung, Break-even-Analyse, Zuschlagskalkulation
- Wirtschaftliches Rechnen: Rabatt, Skonto, Mehrwertsteuer, Prozentsatzrechnung in Prüfungskontexten
- Rechtliche Grundlagen: BGB-Basics, Kaufvertrag, Mängelrüge, Zahlungsverzug
- Statistik und Auswertung: Diagramminterpretation, Kennzahlen, einfache Indexberechnungen
Wer in zwei oder mehr dieser Bereiche unsicher ist, riskiert nicht nur schlechte Noten, sondern konkret das Bestehen der Abschlussprüfung. Bei der IHK-Abschlussprüfung 2025 lag die Durchfallquote in einigen kaufmännischen Berufen bundesweit bei über 20 Prozent. Das ist keine abstrakte Statistik, das sind reale Ausbildungsabbrüche.
Wann ist Nachhilfe der richtige Schritt?
Viele Azubis, aber auch Betriebe, zögern bei diesem Thema. Nachhilfe klingt nach Schule, nach Versagen, nach Rückschritt. Das ist das falsche Bild. Wer gezielt eine Kaufmännische Azsbildung Nachhilfe in Anspruch nimmt, holt sich strukturiertes Fachwissen, das in der normalen Ausbildungsroutine schlicht nicht unterzubringen war.
Ein sinnvoller Zeitpunkt ist: spätestens sechs Wochen vor einer Zwischenprüfung, wenn konkrete Unsicherheiten in mehr als zwei Themenbereichen bestehen. Oder nach einer Zwischenprüfung, die schlecht gelaufen ist, um gezielt nachzuarbeiten, statt das Problem einfach zu verdrängen.
Wichtig ist dabei die richtige Form. Online-Lernplattformen mit strukturierten Kursen für kaufmännische Berufe haben gegenüber klassischer Einzelnachhilfe einen entscheidenden Vorteil: Der Azubi kann eigenständig entscheiden, welches Thema er wiederholt, wie oft und in welchem Tempo. Das passt besser in einen vollen Ausbildungsalltag als feste Termine am Abend.
Was Betriebe konkret tun können
Ausbildungsbetriebe tragen mehr Verantwortung, als viele wahrnehmen. Eine regelmäßige, kurze Lernstandserfassung kostet wenig Zeit und verhindert böse Überraschungen. Folgendes hat sich in der Praxis bewährt:
- Monatliche Kurzgespräche zu Berufsschulthemen (10 bis 15 Minuten reichen)
- Interne Lerngruppen, in denen Azubis unterschiedlicher Jahrgänge zusammenarbeiten
- Klare Signale, dass Nachfragen und Nicht-Wissen keine negativen Konsequenzen haben
- Frühzeitiger Hinweis auf externe Unterstützungsangebote, ohne das als Abwälzen von Verantwortung zu verstehen
Lena Fischer hat in ihrem Betrieb seit zwei Jahren ein einfaches System eingeführt: Nach jeder Berufsschulwoche gibt es einen kurzen schriftlichen Reflexionsbogen. Kein Test, keine Note. Nur drei Fragen: Was war klar? Was war unklar? Wo brauche ich Unterstützung? Klingt simpel, hat aber dazu geführt, dass Wissenslücken deutlich früher sichtbar werden.
Die Perspektive der Azubis
Wer gerade mitten in einer kaufmännischen Ausbildung steckt und merkt, dass der Stoff nicht sitzt, sollte eines wissen: Das ist kein persönliches Versagen. Das System ist an vielen Stellen schlecht auf individuelle Lerngeschwindigkeiten ausgelegt. Die Berufsschule hat strukturelle Grenzen. Der Betrieb hat operative Prioritäten.
Was zählt, ist die eigene Reaktion auf diese Situation. Früh handeln ist besser als warten. Konkret benennen, wo es hakt, ist besser als vage Überforderung. Und Unterstützung suchen ist keine Schwäche, sondern ein Zeichen dafür, dass jemand seinen Abschluss wirklich will.
Wer die Abschlussprüfung besteht und mit einem kaufmännischen Berufsabschluss in den Arbeitsmarkt geht, hat 2026 gute Karten. Die Nachfrage nach qualifizierten Büro- und Handelskaufleuten ist in Baden-Württemberg und bundesweit stabil hoch. Der Weg dorthin ist manchmal holpriger als gedacht. Das ändert nichts am Ziel.
Fazit: Früh erkennen, konkret handeln
Wissenslücken in der kaufmännischen Ausbildung entstehen nicht über Nacht, und sie verschwinden nicht von selbst. Wer als Azubi oder Betrieb früh hinschaut, klare Signale ernst nimmt und Unterstützung nicht als letzten Ausweg betrachtet, hat die besseren Karten. Die Prüfungsstatistiken zeigen deutlich, dass das Scheitern an der Abschlussprüfung in vielen Fällen kein unabwendbares Schicksal ist, sondern das Ergebnis von zu langem Warten auf beiden Seiten.